| 13.04.1996,
Samstag Taiwan |
![]()
Mein Auto sieht "very dirty"
aus. Also entschliesse ich mich - bar jeglicher Vernunft - zu einer Autowäsche. Mit ein
bisschen Glück finde ich den Waschplatz in der Wohnsiedlung. Ohne viel zu fragen
fahre ich den Wagen in die Waschhalle. Mit einem kurzen Klopfen auf den Kofferraumdeckel
ist klar, dass mein Auto nur aussen gewaschen werden soll. Und mit beispielhafter
Gründlichkeit wird auch hier zu Werke gegangen. Nach 15 Minuten und um 5 Mark leichter
fahre ich Richtung Innenstadt und komme zu einer Halle, an der es vor Menschen wimmelt.
Meine Neugier ist geweckt. Im Chaos parkender Autos finde ich einen einigermassen sichern Parkplatz und gehe los. Eine Zeitreise beginnt. Stände stehen dicht an dicht. Manche haben Glasvitrinen, andere nur einfache Tische. Dazwischen stehen fliegende Händler, die Artikel wie z.B. Feuerzeuge oder Zigaretten anbieten. Je weniger Artikel sich auf einem Tisch befinden, desto lauter wird die Ware angepriesen. Da ich nur mit Jeans und Jeansjacke unterwegs bin, werde ich nicht als Tourist oder Soldat einer fremden Nation erkannt. Das ändert sich schlagartig, als ich an einem Stand Interesse für Armbanduhren zeige. Ich sage nichts, deute nur, und damit ist meine Maske gefallen. Um mich herum sind plötzlich alle drei Verkäufer des Standes. Als ich mit "how much" nach dem Preis frage, bekomme ich alle 10 Finger entgegengestreckt. Der erste Eindruck der Uhr ist o.k. Das Lederarmband macht auch einen guten Eindruck. Ich versuche, etwas über die Marke herauszufinden und merke, dass ich die Einprägung wegen Lichtmangels nicht lesen kann. Und allmählich bemerke ich, dass es eine von diesen Billiguhren aus Taiwan ist.
Die Markthalle liegt in einem vorgelagerten Stadtteil von Sarajevo, in der nähe der
ehemaligen Zeitungdruckerei.
Sie ist wie viele andere Gebäude von den Serben zerstört
worden. Davon künden noch herabhängende Neonlampenhalterungen und Mineralwolle. Das Dach
wurde zuerst repariert. Aber für die Elektrizität langte es noch nicht. Das wenige
Licht, das den Raum erhellt, kommt durch die wenigen Oberlichter, die nicht zerstört
wurden.
Ich kaufe die 10,-- DM Uhr und sehe ein Lächeln über das Gesicht des Verkäufers huschen. Da fällt mir ein, dass ich wieder das Handeln vergessen habe und sich der Händler über die dicke Gewinnspanne freut. An einer Wand haben die Ersatzteilhändler für Fahrzeuge ihr Domizil. Aber ich schaue vergebens nach einem Ersatzblinker für meinen black Benz. Für Audi und VW sowie Jougo und Zastala war alles zu haben. Dass es bei genauerem Hinsehen überhaupt keine Ersatzteile für Mercedes gibt, wundert mich dann doch, denn es fahren für diese Gegend sehr viele Mercedes herum, vor allem der W123 und vereinzelt der /8. Sie werden meistens als Taxis benutzt. Bei weiterem Verweilen sehe ich einen Händler mit Raubkopien von bekannten Gruppen. Eine "Nirwana - Greatest Hits" kostet nur DM 5,--. Beim Einlegen ins Cassetten-Fach kommt sehr schnell die Ernüchterung. Die Qualität ist so schlecht, dass einem der Spass am Anhören vergeht, besonders, wenn man das Original kennt.
Auf
dem Weg wieder in die Stadt zurück, sehe ich heute das erste Mal den Elektrobus fahren.
Ein weiterer Schritt im Wiederaufbau. An der Hauptstrasse durch Sarajevo ist täglich ein
Fortschritt zu erkennen. Mal ist ein Schlagloch, um das ich jeden Tag herumfahren musste,
geschlossen, mal fehlen am Strassenrand die von Granatsplittern zerfetzten
Autokarosserien. Oder ein LKW fährt die Strassen ab, um die Sandsäcke einzusammeln, die
zum Schutz von Stellungen aufgestapelt waren.
Gut gelaunt und mit "Freude am Fahren" verpasse ich doch glatt die Abzweigung, die mich nach Hause bringt. Um nicht den "Sarajevo Run" fahren zu müssen, der als Einbahnstrasse um die Altstadt herumführt, biege ich kurzentschlossen ab. Da sehe ich einen deutschen Soldaten. Er spricht mich durchs offene Fenster an. Ich stoppe, kann aber leider nur ein paar Worte mit ihm wechseln da ich den Verkehr behindere. Nachdem das Auto weggestellt ist, erfahre das ein deutscher Soldat hier vier Monate seinen Dienst abzuleisten hat, bevor es zurück in die Heimat geht. Ein holländischer Soldat kommt dazu und wir halten einen kurzen Schwatz über die Situation in Sarajevo und wie es hier vor 2 Monaten ausgesehen hat. Ein amerikanischer 1-Sterne-General, der die Unterkunft verlässt und chauffiert werden muss, bereitet dem ganzen ein schnelles Ende.
Daheim - auch Armirs Vater ist von einer weitern Besprechung zurück
-sind alle gerade dabei, na.. Kaffe zu trinken? ..richtig. Ich will erst einmal ein
Mittagsschläfchen halten. Dann geht aber schon das Nachbarschaftskonzert los. Die
Menschen waren in den letzten Jahren gezwungen, sich selbst zu versorgen. Jeder, der ein
bisschen Garten hat, ist zum Bauer geworden. Der Vermieter unseres Hauses hat ein Dutzend
Hühner, einen Hahn und eine Ziege mit vier Jungen. In der Nachbarschaft gibt es
mindestens drei weitere "Hühnerfarmen". Und als ich mich lang mache, fängt
doch der Gockel an zu krähen. Das können die anderen drei nicht einfach so hinnehmen.
Und schon geht der Wettstreit los. Irgendwo dazwischen höre ich noch zwei Schafe blöken.
Meist endet das ganze Geschrei, wenn die Hähne synchron krähen.
Das passiert nach
etwa 5 Minuten, und wiederholt sich alle halbe Stunde. Da bei dem Lärm keiner ein Auge
zutun kann, habe ich aus weiser Voraussicht meine Ohrstopfen, die ich noch aus meiner
Militärzeit habe, mitgenommen und drehe sie mir in den Gehörgang. Endlich Ruhe! Gegen 7
Uhr abends gehen wir nochmal in die Stadt. Da Jo zu Besuch kam, drängen sich heute abend
6 Personen im Auto. Bei den Strassen hier schwant mir Übles. Der Wagen federt hart durch
die unausweichlichen Schlaglöcher. Es geht aber alles gut. Nach kurzer Diskussion gehen
wir in die Kneipe "Old Town". Dort sehe ich auch den Franzosen vom Vorabend
wieder. Wir nehmen Platz und ich bestelle mir eine Portion Pommes Frittes. Die Pommes sind
hier kleiner und werden auch nicht goldbraun herausgebacken. Aber sie schmecken sehr gut.
Auch heute abend spielt eine Live-Band, bestehend aus 3 Gitarristen und 1 Vokalisten. Die
Musik ist angenehm leise, so dass eine normale Konversation noch möglich ist. Zu
fortgeschrittener Stunde und nach etlichen geleerten Büchsen Bier setzt sich Vincent zu
uns. Vincent hat gestern für mich und den französischen LKW-Fahrer übersetzt. Jo, Armir
und die Anderen sind an dem Franzosen sehr interessiert, da sie wissen, dass er für eine
Hilfsorganisation arbeitet. Nachdem Armirs Vater wieder die Rechnung beglichen hat, machen
wir uns auf den Heimweg. Draussen in der Kälte ist der Regen in Schnee übergegangen.