| 12.04.1996,
Freitag Statistik |
Heute morgen suche ich einen Radiosender, der gute Musik spielt, und stelle fest, dass
es Tausende von Radiostationen gibt. Jede hier stationierte Einheit hat einen Radiosender.
Allen voran die Amerikaner mit ihrem legendären AFN. Die Franzosen haben ihren
CHOW-SOU-Sender. Für die Deutschen strahlt RTL2 Oldie-Programm in den Äther. Einen
arabischen Sender gibt es auch und daneben eine Handvoll private Radiosender, die
erfreulicherweise guten Rock und Pop spielen - ohne viel Werbung und diese billig
gemachten Eintages-Hits. Auf Mittelwelle sendet Radio IFOR und wirbt für den Frieden.
Heute gehe ich auf Photojagd. Es ist gar nicht so einfach, gute Motive zu bekommen. Ich
möchte keine Gefühle verletzen, indem ich brutal auf die Not der Leute draufhalte.
Schließlich fotografiere ich Einschläge von Granaten:
Regelmässige
Muster, ähnlich wie eine Blume. Eine Häuserfront, in der jede Scheibe zerbrochen und mit
Folie ersetzt ist. Das zerstörte Sarajevo hat schon jeder gesehen. Aber dass hier der
Wiederaufbau in vollem Gange ist, wissen - glaube ich - die wenigsten. Deshalb halte ich
mein Objektiv auf den Mann, der die Strasse pflastert und den Maurer, der das Haus von
seinem Nachbarn von Granatsplittern befreit. Der Film ist schnell am Ende und der
Ersatzfilm liegt zu Hause.
Dort angekommen gibt es Brot mit flüssiger Nutella. Ich habe am Vorabend die Schokolade auf der Anrichte stehen lassen. Der Ofen, der gut heizt, hat den Aggregatszustand der Creme problemlos geändert. Nach einem kleinen Mittagsschläfchen fragt mich Armir, ob ich seinen Vater vom Bahnhof abholen könnte. Gesagt, getan. Auf dem Weg zum Bahnhof kommen wir noch an einem ausgelagerten Markt vorbei und Armir bittet um einen kurzen Halt. Er will Zigaretten kaufen. Ein Verkäufer sieht uns kommen und der Handel findet direkt am Auto statt. Zwei Mark für eine Schachtel.
Am Bahnhof fährt gerade der Bus aus Bihac vor, in dem Amirs Vater sitzt. Der Busbahnhof liegt am alten Hauptbahnhof von Sarajevo. Auf den Gleisen stehen noch die teils zerschossenen, teils ausgebrannten und von der Hitze verbogenen Wagons. An der Bushaltestelle stehen Polizisten, die mit aller Kraft für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Die Zubringerstrasse ist durch parkende Autos und Taxis so blockiert, daß gerade mal ein Bus durchpasst. Auch ich muß meinen Halteplatz aufgeben und suche eine etwas weiter abgelegene Parkbucht.
Von Bihac nach Sarajevo braucht man mit dem Bus 8 Stunden. Amirs
Vater dürfte schon über 50 sein. Sein Haar ist weissgelockt und sein Gesicht macht einen
fröhlichen Eindruck. Er trägt einen feinen Anzug mit einem elegant geschnittenen
Zweireiher. Der muss wohl aus besseren Zeiten stammen. Bepackt mit Aktentasche und vier
Tüten Verpflegung für den Sohn machen wir uns auf den Heimweg. Nach einer kleinen
Erfrischung geht es noch zum Amt für Statistik. Armirs Vater ist der leitende Beamte für
Statistik in Bihac und macht einen Arbeitsbesuch beim Leiter für ganz
Bosnien-Herzigowina. Der Stil der Einrichtung entspricht den frühen 60ern. Über den
Holzdielen liegt ein riesiger Teppich, der den ganzen Raum abdeckt. An der Wand steht ein
kleiner Gasofen
und der Gasschlauch läuft über den Fussboden. Die Sessel am
Konferenztisch sind nur mit grünem Stoff überzogen. Glasplatten auf den Konfernztischen.
An den Wänden hängen zwei Ölgemälde, die hiesige Landschaften zeigen. Hinter dem
Schreibtisch, in Glas gerahmt, die Fahne von BIH. Da wird wohl früher ein Bild von Tito
gehangen sein. Den Schreibtisch bedecken Papierstapel und ein 286 Computer. An der Decke
hängen zwei Lampen aus Metall, die je 8 Arme haben. An den Enden befinden sich die
einzelnen Glühlampen mit grossen durchsichtigen Glaskugeln. Ich nutze die Zeit um am
großen Konferenztisch meine am Vortag gekauften Postkarten auszufüllen. Sie sind noch
aus der Zeit vor dem Krieg und zeigen Sarajevo in seiner sozialistischen Pracht. Nach
knapp 20 Minuten ist die Besprechung vorbei. Tja, wiedereinmal komme ich um den Kaffee
nicht herum, diesmal gehen wir ins Imperial.
Auf den Weg dorthin gebe ich die Karten am Postamt auf. Für 6
Postkarten muss ich DM 7,-- bezahlen. Das finde ich dann doch überteuert, aber was soll
ich machen. Zurück am Auto, ich will schon einsteigen, winkt mir Armir zu, ich solle auf
seine Fahrzeugseite kommen.
An der rechten Fahrzeugvorderseite ist
der Schaden zu sehen. Der Kotflügel ist eingedrückt, der Blinker zerstört, die
Stossstange steht weg. Na toll! Gerade heute habe ich mir noch gedacht, wie kommt es, dass
in Sarajevo so viele Blechschäden und gebrochene Gläser zu sehen sind. Jetzt weiss
ich's! Ein Mann kommt von einer naheliegenden Baustelle. Er sagt Armir, der LKW, der jetzt
vor mir parkt, habe das verursacht und dass der Fahrer im Restaurant "Old Town"
neben der Strasse warte. Ich öffne die Tür der Gaststätte und frage in englisch in den
Gastraum, wer mein Auto beschädigt habe. Totenstille! Na, denke ich, der ist stiften
gegangen, aber als Armir es in der Landessprache wiederholt, kommt ein Wink. Der Fahrer,
ein Franzose, dachte, er hätte das Auto eines Einheimischen angefahren und englisch
versteht er nicht. Aber einer seiner Begleiter versteht mich. So werden wir uns schnell
einig. Mit der grünen Versicherungskarte und einem kurzen Protokoll ist für mich erst
einmal alles erledigt. Wir tauschen dann noch die Adressen und dann dürfte der Rest kein
Problem sein. (Da irrte ich gewaltig! Ich habe fast ein Jahr auf des Geld gewartet.)
Armirs Vater lädt uns alle ein. Wir holen noch die anderen aus der WG und "tafeln" den ganzen Abend. Es ist eine Band da die Live spielt. Eine Sänger, eine Frau an der Gitarre und ein Mann an dem Keybord. Sie singen uns Lieder die Gäste wünschen. Wir bestellen uns Chevaps und Pommes für alle. Auch wird kräftig gebechert. Gegen ein Uhr machen wir uns auf den nach hause Weg.