| 11.04.1996,
Donnerstag Stromausfall |
Ich stehe im Bad und schalte das Licht ein. Ein kurzes Aufflackern, ein "Ping" und die Glühbirne ist hin. Als Ersatz gibt Asmir die Birne aus seiner Schreibtischlampe. Also werde ich heute Glühbirnen kaufen. Nach der üblichen Morgentoilette über der Badewanne mache ich mich auf den Weg in die Stadt.
Bereits beim Anziehen der Schuhe merkte ich wieder, wie staubig hier alles ist. Die Schuhe sind voller Staub, so dass sie täglich geputzt werden müssen. Das gleiche gilt für das Auto. Nach einer Nacht ist es über und über mit Staub bedeckt. Der Lack ist richtig mit Sand überzogen wie nach einem Regenschauer, der die Luft von seiner schmutzigen Last befreit. Eigentlich ist Autowaschen hier wirklich unnötiger Luxus.
Luxus ist auch meine Mineralwasser, die 1,5 l Flasche kostet DM 3,50. Aber ich traue dem Leitungswasser nicht. Die Wasserleitungen sind in den Kriegswintern zugefroren und aufgeplatzt. Es tritt viel Wasser aus. Das Leitungswasser wird von Zeit zu Zeit abgestellt und so kann das Wasser in die Rohre zurücklaufen und es können sich sich alle möglichen Bakterien vermehren.
Das ausströmende Wasser tritt an die Oberfläche
und fliesst die Strasse entlang den Berg hinuntert. Dabei unterspült das Wasser die
Strasse. Die Stellen, die geflickt wurden, leiden darunter besonders. Dadurch entstehen
Schlaglöcher, die die Aussmasse von Schützengräben haben. Das wiederum führt zu
chaotischem Fahrverhalten, denn kein Autofahrer möchte sein nobles Gefährt den Löchern
aussetzen. Es kommt durchaus vor, dass ein Auto im Zickzack über die gesamte
Fahrbahnbreite fährt.
Auf dem Basar kaufe ich heute zwei Flaschen Mineralwasser (je DM 3,50), 600 g
Hackfleisch (DM 4,--) beim Metzger um die Ecke, Glühbirnen 60 W (je DM 1,--) und weisses
Papier - und das ist richtig teuer.
Ein Block weisses Papier kostet DM 10,--. Papier ist in
dieser WG wirklich notwendig. Jedesmall, wenn ein Stück gebraucht wird, werden alle drei
Räume durchwühlt. Vom Einkaufen zurück, stelle ich mich an den Herd. Es gibt nur ein
Spaghettifix für die 600 g Hackfleisch und die reichen nicht aus. Also noch ein bisschen
Fix für Chili con Carne dazumischen. Der Geschmack ist toll, bloss gab es diesmal keine
Sauce gab, dennoch war der Geschmack super. Der Topf mit 500g Nudeln und 600 g Hackfleisch
hat den Abend nicht überlebt. Nach einem kurzen Verdauungsschläfchen kommt Besuch. Jo
bringt ihre Freundin Magdar mit. Es ist schon wieder Kafeezeit... Dabei erfahre ich, dass
Magdar mit mir nach Tuzca möchte, wenn ich heimfahre. Sie müsste für den Bus DM 20,--
bezahlen. Ich sage mir, ich fahre sowieso und mein Auto ist leer, also vereinbare ich mit
ihr, dass ich sie vor meiner Abfahrt anrufe.
Nachdem der Kaffee geleert ist, geht's auf in die Stadt, Pflichtprogramm Fussgängerzone, einmal 'rauf, einmal 'runter. Es muss erkundschaftet werden, welche Läden neu aufgemacht haben und wohin die neue Mode tendiert. Dann kehren wir schliesslich im Cafe Bosnia ein. Marmor auf dem Boden, Marmor auf den Tischen. Die Stühle sind aus Stahlrohr und mit Messing überzogen. Die Wände tendieren zum Klassizismus mit angedeuteten quadratischen Säulen. Die Wand selbst ist in rotbraunen Pastellfarben gehalten. Die Beleuchtung besteht aus an den Wänden angebrachten Deckenflutern, wobei die Glasschale einer Muschelschale nachempfunden ist. Dort unterhalten wir uns das erste Mal so richtig über Politik und Weltgeschehen.
Über die Entwicklung in China und die Koreakrise.
(Kim Il Soung ist gestorben und Kim Young Il hat die Truppen am 38. Breitengrad
aufmarschieren lassen). Die Probleme, die die IFOR und die Hilfsorganisationen mit ihren
Autos verursachen. Da sich viele Organisationen am Park von Sarajevo eingemietet haben,
ist der Park selber zum Parkplatz degeniert. So entstand die Redewendung: Park means not
Parking! Es ist schon Abend und auf dem Weg zum Auto durch den Basar fängt auf einmal das
Licht zu flackern an. Plötzlich liegt die Stadt im Dunkeln. Während die Menschen hier
Kriegserinnerungen damit verbinden, finde ich es nur romantisch. Jetzt ist es leicht, die
Stellungen der IFOR zu erkennen. Es sind die einzigen Stellen, die an den Bergen hell
erleuchtet sind. Auf den Strassen sind Unmengen Taxis unterwegs, was ich mir gar nicht
erklären kann. Bis ich auf dem Weg nach Hause sehe, dass das
einzige
öffentliche Transportmittel - die Strassenbahn - steckengeblieben ist. Die Taxifahrer
nutzen natürlich die Gunst der Stunde. Da fällt mir ein, dass ich noch einen
Hundert-Mark-Schein in der Tasche habe und ihn bei dieser Gelegenheit an der Tankstelle
wechseln möchte, da jetzt kein Betrieb ist. Ich fahre an die Tankstelle, doch der
Tankwart macht mit seiner Taschenlampe kreisende Bewegungen, ich solle doch weiterfahren.
Asmir hilft mir und erklärt mein Anliegen. Und so ist das Scheinproblem gleich erledigt.
Beim Einsteigen in mein Auto sehe ich im Scheinwerferlicht, dass von meinen 5 Radbolzen an
dem reparierten Rad schon zwei über einen Zentimeter von der Felge wegstehen. Ich ziehe
sie mit dem Wagenkreuz nach und stelle fest, dass eine dritte Schraube locker ist. Ich
hätte nach 50 km doch einmal nachschauen sollen.