14.04.1996, Sonntag
Party
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Gegen 6.50 Uhr reißt mich Armir aus meinen Träumen. Ich habe ihm versprochen, seinen Vater zum Busbahnhof zu bringen. Als ich endlich auf Touren komme und mich aus meinem Schlafsack befreie, ist es auch schon vorbei mit dem guten Morgen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir 10 cm Neuschnee! Im Geiste sehe ich mich schon an den hiesigen Zufahrtswegen Schneeketten auflegen, wenn ich trotz Winterreifen die bis 15 prozentigen Steigungen nicht hoch komme. Heute schnüre ich das erste Mal meine Knobelbecher, die ich eigentlich nur für Notfälle mitgenommen habe. Draussen auf der Strasse bemerke ich erleichtert, dass der Schnee auf dem Asphalt so gut wie nicht liegengeblieben ist. Mit meinen Stulpenhandschuhen und langem Arm ist der Wagen schnell von seiner Schneeschicht befreit und die Fahrt zum Busbahnhof ist eine reine Formsache. Armir Vater drückt seinen Sohn nochmal und steigt in den Bus. Wir warten noch bis der Bus abfährt und machen uns wieder auf den Heimweg.

Auf dem Rückweg halten Armir und ich noch an einem Markt und kaufen Brot, Milch und Mineralwasser. Und siehe da, da der Markt ausserhalb liegt, sind die Sachen gleich bis zu 30 % billiger. Mein Mineralwasser kostet hier nur DM 2,50. Wieder zuhause, wird erst einmal kräftig gefrühstückt. Armirs Vater hat dicke Speckschwarten mitgebracht und über fallen wir jetzt her. Weil ich gestern erst spät ins Bett gekommen bin und mitten in der Nacht aufstehen musste, wird das Frühstück in horizontaler Lage verdaut. Um 10.00 Uhr treffe ich mich dann mit Jo. Sie zeigt mir einen kleinen Laden in der Fussgängerzone, in dem es CD's zu kaufen gibt. Der Laden liegt so verborgen in einer Geschäftspassage, dass ich ihn alleine nicht gefunden hätte. Leider ist geschlossen. In Sarajevo gibt es keine Ladenöffnungszeiten. Jeder Ladenbesitzer öffnet seinen Laden wann und so lange er will. Beim anschliessenden Schaufensterbummel bemerken wir, dass sich an einer Weggabelung (nähe Cafe Imperial) eine ganze Meute von Joggern versammelt hat. The City Runs For FreedomEs ist ein Friedenslauf, der einmal um die Altstadt geht. Eine Menge Journalisten sind da und mindestens 100 Uniformierte der Polizei und der verschieden IFOR-Truppen. Da es regnet und die Verstärker eine Menge Lärm verbreiten, setzen wir uns ins Cafe Imperial. Durch die Glasfassade können wir das Treiben gut beobachten. Jo bestellt für mich, weil der Kellner kein Englisch versteht. Leider wird das Imperial seinem Namen nicht gerecht. Der Kakao ist mir Zuckerperlen garniert, die den Geschmack verderben, und Jo stochert in ihrem sonst so heißgeliebten Kaffee. Sie sagt, er schmeckt wie Wasser. Draußen fällt der Startschuss und die Meute macht sich auf den Weg. Fünf Minuten später ist das Imperial mit Journalisten aus aller Welt bevölkert. Weitere zehn Minuten später kommen die ersten Läufer ins Ziel. Den größten Applaus bekommen die Kriegsversehrten, die sich teils in recht eigenwilligem Stil über die Strecke kämpfen. Jo fängt an zu erzählen, wie es draussen an der Front war, dass ihr Vater beinahe an einer Grippe gestorben wäre, weil es keine Medikament gab. Ihr selber sei es in den Gräben nicht viel besser gegangen. Es war klamm und sie konnte ihre Erkältung nie richtig auskurieren. Ein Rückfall folgte dem anderen. Sie zeigt mir ein Foto, auf dem sie mit über schulterlangen Haaren zu sehen ist. Die, sagt sie, habe sie abschneiden lassen, um Geld daraus zu machen. Jo mit Igelhaarschnitt kann ich mir gar nicht vorstellen. ---

Nachdem ich Jo zu Hause abgesetzt habe, lade ich die drei aus der WG ein und wir fahren Richtung City, um die neue Wohnung zu besichtigen.Baujahr 1912 An der geschnitzten Holztür kann ich noch erkennen, dass es sich einmal um ein Jugendstilhaus gehandelt haben muss. Im Treppenhaus riecht es stark nach Gas, aber das stört hier keinen. Dann sehe ich die Quelle des Übels. Während der Kriegsjahre wurde überall von Kohle auf Gas umgestellt. Deshalb sind in Sarajevo auch die Strassen aufgerissen. Anfangs dachte ich, es wären Schützengräben oder Gräben, in denen die Leute von Haus zu Haus gingen. Falsch gedacht! Dort liegen eiligst verlegte Gasleitungen. Im Haus sehe ich einen zusammengeschweissten Verteiler, der nur so mit Schweissnähten überzogen ist. Von dort gehen, mit Schlauchmanschetten gesichert, Plastikschläuche, die wohl eher für den Wassertransport als für Gas geeignet sind, in die verschiedenen Wohnungen.

Wir steigen erst einmal in die Niederungen des Kellers. Es ist dunkel, es gibt keine Lampe. Auch in der Wohnung ist es nicht viel heller. Außerdem ist es ein Loch. Nur im sogenannten Wohnzimmer gibt es zwei grosse Fenster. Das Bad hat gerade mal ein Kellerfenster. Aber dieses Bad verdient seinen Namen! Ordentlich gekachelt und voll ausgestattet. Auch die Küche hat nur eine Luke und dort steht auch noch eine Liege. Aber die Ausstattung ist vollständig mit Spüle, Herd und Ablagetisch. Doch insgesamt ist alles ziemlich verranzt. Trotz der billigeren Miete und der besseren Ausstattung würde ich hier nicht einziehen wollen. Aber die WG hat keine Wahl. Der Vermieter ihrer jetzigen Wohnung will noch drei weitere Mieter einquartieren. In meinen Augen ist das schon Ausbeutung. Eine Besonderheit hier ist, dass der Mietvertrag nicht auf die Wohnung abgeschlossen wird, sondern auf die einzelnen Personen. Während die Drei sich zu Mietverhandlungen zu dem neuen Vermieter begeben, gehe ich in die Altstadt. Dabei entdecke ich viele Nischen, die ein Foto wert sind: z.B. ein Jugendstilhaus, das lt. Inschrift schon 1912 errichtet wurde. Oder die Gräber, die sich im Stadtpark von Sarajevo befinden. Die Kalksteine sind schon so verwittert, dass ihnen niemand mehr ihre Geheimnisse entreissen kann.

Nachdem wir alle zurückgekehrt sind und vorher noch eine Palette Dosenbier für die Party gekauft hatten, machen wir uns schick. Auf die Party freue ich mich schon besonders. Tom, einer von den Studenten feiert seine Rückkehr nach Bihac. Er hat schon alles gepackt und am nächsten Tag soll es zurück nach Hause gehen. So bekomme ich Einblick in ein Studentenwohnheim und sehe, wie hier Parties gefeiert werden. Die Palette Bier die wir voher auf einem Markt verkauft haben verpacken wir noch in Geschenkpapier. Dafür ziehen wir zwei Plastiktüten in entgegengesetzter Richtung übereinander. Mit Tape basteln wir noch eine Schnur und fertig ist das Geschenk.

Gegen halb Zehn treffen wir auf der Party ein. Wir gehören noch zu den ersten Gästen. Es sind zwei lange Tischreihen aufgestellt. Auf den Tischen stehen abwechselnd eine Bier- und eine Coca Cola-Dose. Dazwischen die dazugehörigen Pappbecher. In der Mitte stehen jeweils Pappteller mit aufgeschnittenem Brot, Käse und grober Salami. An der Decke sind längst ausgediente Halterungen von Neonlampen. An drei von ihnen wurden Kabel montiert und Glühlampen angeschlossen. Die sind billiger. Die Männer sind einfach gekleidet, wie sie im Strassenbild auch zu sehen sind. Im Gegensatz dazu sind die Frauen gekleidet, als hätte es die schlechten Zeiten nie gegeben. Mit Kostüm oder einfarbigen Kombinationen setzen sie die Glanzpunkte. Mir fällt besonders eine Moslem-Frau auf mit einem bunt gestreiften Kopftuch in Pastellfarben, das auch den Hals bedeckte, einem braunen Einteiler mit langen Ärmeln, der figurbetont geschnitten und an der Seite kniehoch geschlitzt ist. Darüber eine überlange schwarze Weste, die an den Seiten einen ca. 10 cm breiten Streifen mit Blumenmotiven hat. Die Weste reicht fast bis zum Boden und ist nur vor der Brust geknöpft. Nachdem die ersten Biere gekippt sind und der Promillespiegel den Nullbereich verlassen hat, trauen sich die Gäste mit ihrem Englisch auch an mich heran. Und da ist das Thema wieder auf dem Tisch: Der Krieg, der nicht vergessen werden kann, der sie nicht loslässt. Und wie immer, wenn dieses Thema angeschnitten wird, lautet einer der ersten Sätze: "... ich fühle mich so alt nach diesen vier Jahren...". Mich bewegt ein Student, der mich fragt, ob es richtig war, in den Krieg zu ziehen und an der Front zu stehen. Was soll ich dazu schon sagen? Aber das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Es stört auch keinen der elend schlechte Klang, der aus den Lautsprechern dröhnt. Mit meiner Discoerfahrung bzw. meinem Technotraining komme ich hier nicht weiter. Ich merke doch deutlich die osmanischen Einflüsse. Aber es unterscheiden sich auch nur die Tanzschritte, gefeiert wird genauso wie bei uns zu Hause.

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