| 15.04.1996,
Montag Polizei |
Heute ist Faulenztag. Gegen 10.00 Uhr werfe ich den Boiler im Bad an, dann "dusche" ich unter einem warmen Rinnsal. Gegen 16.00 Uhr gehe ich in die Stadt, ich will nach CD's schauen und mir Nachschub an Geld besorgen. Eigentlich hätte ich es mir denken können, dass auch hier die Bank nach 16.00 Uhr geschlossen hat. Also mache ich mich auf den Weg in den CD-Laden. Unterwegs sehe ich in der Fussgängerzone in einem Durchgang zwei flache Glasvitrinen, die mit CD's bestückt sind. Und was sehe ich da? Eine meiner CD's! Ich kann das mit Sicherheit sagen, weil die Gruppe "Bobo in the Wide Wodden Houses" selbst in Deutschland kaum einer kennt. Vom Händler lasse ich mir die CD reichen und die Scheibe liegt genauso im Cover, wie ich normalerweise meine Scheiben einlege. Genau waagrecht. Ich greife mir ein Taxi und lasse mich zur nächsten Polizeistation fahren. An der Pforte versteht mich zunächst keiner, aber schnell ist jemand aufgetrieben, der Englisch spricht. Aber so gut versteht wir uns dann doch nicht. Ich erzähle ihm vom Aufbruch meines Autos und den verschwundenen Sachen. Besonderen Wert lege ich auf die entdeckte CD, aber das interessiert ihn gar nicht. Er will als erstes meinen Wagen sehen. Die Glassplitter liegen noch über den Fussraum und der Sitzspalte verstreut. Die Aufnahme des Sachverhalts dauert keine fünf Minuten als der Polizist zu dem Punkt kommt, wann ich heute mein Auto geparkt hätte. Ich sage ihm, dass dies noch keine 30 Minuten her sei und da wird er stutzig. Einbruch, Meldung und Reparatur der Seitenscheibe, dafür sind 30 Minuten zu wenig. Er hatte mich so verstanden, dass der Bruch erst heute stattgefunden hätte. Ich erzähle ihm noch einmal von der entdeckten CD. Jetzt will er den Laden sehen. Mit dem Auto fahren wir schnell hin - durch die Fussgängerzone. Nach kurzer Diskussion werden der Händler und die CD auf das Revier mitgenommen. Dort müssen wir kurze Zeit auf dem Flur warten.
Das Gebäude macht einen tadellosen Eindruck. Überall sind Fensterscheiben eingesetzt. Frische Farbe läßt die Illusion eines Neubaus in dem sonst so zerstörten Sarajevoaufkommen. Nur an einigen Stellen sind noch die Einschläge von Granatsplittern zu sehen. Meine Vernehmung geht recht schnell von statten und ich freue mich wieder über den guten Service. In der WG zurück fragt mich dann Archie, was aus der CD geworden ist. Der Kriminalbeamte hatte ihn angerufen, denn ich hatte keine Ahnung, wo ich wohne und wie die Strasse heisst, in der der Raub stattfand. Ich erzähle ihm die Geschichte und er fängt an zu lachen. Er kann nicht glauben, dass ich meine CD zurückbekommen habe.
Mensur und Armir sind von der Party immer noch nicht zurückgekommen. Das muss das Studentenleben sein. Jo wollte heute eigentlich kommen, aber ich glaube, sie hängt momentan mit Armir zusammen. Gegen 12.00 Uhr machen Archie und ich uns auf den Weg ins Studentenheim. Wir besuchen Elvira und ihre Zimmergenossin.
Gestern ist mir gar nicht aufgefallen, dass überall im Treppenhaus die Heizkörper verschwunden sind. Eigentlich ist in dem Treppenhaus und in den Fluren alles verschwunden, was der Gemeinschaft diente. An den Decken hängen nur noch Leitungsenden von ehemals installierten Lampen. Dafür wurde im Durchgang die Gasleitung gelegt, um die einzelnen Wohnzellen zu versorgen.
Die beiden Mädels wohnen in einem Raum der ca. 5 x 5 m groß ist. Für einen Studenten genug Platz. Aber diese Räume werden zu zweit bewohnt. Mit zwei Betten, einer Kochstelle und einem Schrank wird es doch reichlich eng. Elvira lernte ich gestern auf der Party kennen. Sie ist ein Original. Mit ihren buschigen Haaren und ihrer offenen impulsiven Art ist sie einzigartig. Natürlich kommt auch hier die Kaffeekanne zum Einsatz. Im Zimmer wird es ziemlich eng zu viert, aber das fördert den Kontakt. Wie überall kommen wir auch hier auf die Kriegszeit zu sprechen. Ich erfahre zum ersten Mal etwas über die teuren Preise während der Zeit der Belagerung - 1 kg Kaffee etwa DM 350,-- und 5 kg Mehl etwa DM 500,--. Bei solchen Preisen frage ich mich, ob die Lebensmittel überhaupt noch verzehrt worden sind? Als Folge haben die Menschen durchschnittlich 10 - 15 kg an Gewicht verloren. Für den nächsten Tag mache ich mit Elvira einen Termin für ein Photo aus.
Gegen 23.00 Uhr machen wir uns auf den Nachhauseweg.