| 16.04.1996,
Dienstag brother in arms |
Endzeitstimmung macht sich breit. Mensur und Archie ziehen zu Jonny in die Wohnung, während Armir weiter hier am Berg wohnt. Es ergeben sich Spannungen in der WG, weil Armir erst abgesagt hat, nachdem Mensur den Vertrag unterschrieben hatte. Mensur verbrachte heute den ganzen Vormitttag damit, möglichst viel in seine Reisetaschen hineinzupacken. Gegen 13.00 Uhr mache ich einen neuen Anlauf in Richtung Bank und diesmal ist sie geöffnet. Da ich schon bekannt bin, klappt alles wie am Schnürchen. Dass ich allerdings wieder 9,-- DM für die Bearbeitung bezahlen muss, ärgert mich schon.
Da sowohl die alte als auch die neue Wohnung gestrichen werden sollen, sind Archie und Mensur auf der Pirsch nach der gewünschten Farbe. DM 50,-- für 30 kg ist so der Durchschnittspreis, den ich gesehen habe. Gegen 2.00 Uhr tauche ich in der Studentensiedlung auf, um das gewünschte Foto mit Elvira zu machen, aber sie ist nicht da.
Zurück in der Wohnung fange ich an zu kochen. Eigentlich wollte ich mit Elvira in eine Creperie gehen. Jetzt gibt es Kartoffelbrei mit Wurst. Während des Kochens treffen Archie und Mensur ein. Damit es für alle reicht, kochen die Beiden noch eine gute Suppe - und hier ereilt uns wieder Sarajevo live. Beim Tischdecken gibt es zwar drei Suppenteller, aber nur zwei Suppenlöffel. Mensur entschliesst sich, zu warten. Also schlürfen Archie und ich die Suppe. Archie gewinnt den Wettstreit und Mensur kann so auch am Getafel teilnehmen. Während wir essen, kommt der Vermieter, um die Wohnungsabnahme zu besprechen. Da bricht wieder das Verhandlungsgeschick Mensurs durch. Anstatt der DM 50,--, die ich für die 10 Tage zahlen soll, handelt Mensur DM 20,-- heraus.
Nach einem Verdauungsschläfchen machen Mensur und ich uns noch in Richtung Studentenheim auf. Diesmal ist Elvira da, aber sie sieht ziemlich verknittert aus. So weit ich ihr Englisch verstehe, hatte sie mit einem ihrer Professoren einen kleinen Disput über eine Ausarbeitung und den hat sie wohl verloren. Nach dem Kaffee brechen wir wieder auf, weil Elvira mitten in Nacharbeiten steckt. Am Ausgang kommt uns Tom (Partyorganisator) entgegen. Weil er doch erst morgen zurück nach Bihac zieht, müssen Mensur und ich unbedingt mit ihm noch einen heben gehen. Tom hat die letzten Jahre in einer Küche verbracht. Im Studentenjargon "China Kitchen" genannt. Der Raum dürfte so ungefähr 1,50 m breit und 3,50 m lang sein. Die Anrichte ist entfernt worden. Die Aussenwand ist eine durchgehende Glaskachelfront über die ganz Höhe. Um den Wärmeverlust zu reduzieren, wurde von innen eine Matratze quer gelegt und der Schrank davor plaziert. Es sind noch Reste von Johnny Walker und Napoleon Cognac vorhanden. Mensur nimmt einen kräftigen Schluck Jonny Walker, Tom schüttet den Napoleon in sich hinein. In 15 min ist das letzte Viertel Cognac in seiner Kehle verschwunden - nicht schlecht! Zwischenzeitlich trifft noch Jo ein. Sie hat uns kommen sehen und begleitet uns nach Hause. Mensur fängt wieder damit an, seine Habseligkeiten zu verpacken. Nach einem kurzen Imbiss, der bei mir aus gut geschmierten Nutella-Brötchen bestand, helfe ich Mensur und Archie, die schon verpackten Sachen in die neue Wohnung zu transportieren. Leider hat Mensur nicht darauf geachtet, daß alle Dosen geschlossen sind. Jetzt habe ich leider zwei dicke Fettflecken auf meiner Rücksitzbank. In der neuen Wohnung angekommen merke ich, wie eng das Ganze wird. Vier Mann sind jetzt in der Wohnung und treten sich gegenseitig auf die Füße. Mensur sagt nur, daß sie Waffenbrüder seien und ihnen die Enge nichts ausmache.