| 17.04.1996,
Mittwoch Gribawiza |
Heute muss ich endlich meine Fotos machen. Irgendwie habe ich versäumt, die richtigen
Fotos von Sarajevo zu schiessen. Jo hole ich am vormittag ab, denn sie will mit.
Also fahre wir nach Gribawiza, an die ehemalige Frontlinie. Hier sind die grössten
Zerstörungen. Häuser sind mit gelben Markierungsbändern abgesperrt,
die vor Mienengefahr
warnen. Hier hat sich nicht viel verändert. Während im Rest der Stadt der Wiederaufbau
schon in vollem Schwung ist, herrscht hier Agonie und Depression. Was der Krieg nicht
zerstört hat, haben die Serben mit ihrem Hass beim Abzug ruiniert. Vor den Häusern
liegen Berge von Mobiliar und Kleidung, Fenster sind herausgebrochen, ganze Häuserzeilen
abgebrannt. Während in der Innenstadt die Strassenreinigung damit beschäftigt ist,
einzelne Papierstücke zu beseitigen, dürfte hier nur noch der Bulldozer zum Einsatz
kommen. Und das in einem ehemaligen Vorzeigeviertel von Sarajevo, wo das Sportstadion
steht. Die wenigen verblieben Einwohner haben damit begonnen, vereinzelt Haufen zu bilden
und diese dann anzustecken, um die Müllmenge zu reduzieren. Zwischen den noch kokelnden
Haufen laufen Rudel von ausgesetzten Hunden herum. Die stecken überall ihre Nase hinein
und scharren mit ihren Pfoten nach etwas Essbarem. Dazwischen geht ein altes Muttchen in
schwarz, mit gebeugten Kreuz, und sucht unter Blechteilen nach etwas Verwertbarem. Ich
wollte immer einmal das Gesicht des Krieges sehen und jetzt, wo mich nur ein Hauch
streift, bin ich fertig.
Die schnurgerade Straße, die am Stadion vorbeiführt, ist immer noch verbarrikardiert. Dort steht noch ein halb weggeschobener Bus, der mit zentimeterdicken Stahlplatten gepanzert wurde. Nur für den Fahrer blieb ein Sehschlitz frei. Dieser Bus wurde, als er quer zur Fahrtrichtuing stand, als Sichtschutz verwendet.
Am Stadion sind überall die gelben Minenbänder zu sehen. Davor wurde die Straße aufgerissen und eine Panzersperre ausgehoben, die ca. eine Tiefe von drei Meter hat. In Gribawiza selber ist Jo über die Zerstörung, die die abgezogenen Serben hinterlassen haben, überrascht. Wir fahren von der einen Seite Sarajevos auf die andere. Dort hat jemand seiner Ohnmacht Luft gemacht, indem er auf einen von Serben zerschossen Wagen IFOR gesprüht hat. Jo zeigt mir einen Aussichtspunkt, der 1984 für die Winterolympiade angelegt wurde. Auf die ausgerichtete Olympiade sind die Bewohner immer noch stolz. Auch in neu eingerichteten Räumen hängen wieder Bilder mit dem Logo. Vom Aussichtspunkt aus kann ich ganz Sarajevo betrachten und die unzähligen Minarette bestaunen. Jo sagt, dass es in Sarajevo an die 200 davon gibt. Hier oben ist von der grossen Zerstörung nicht viel zu sehen, die beiden Bürohochhäuser ausgenommen.
Als wir Gribawiza verlassen, bin ich richtig depressiv und niedergeschlagen. Wir gehen erst einmal zum Essen - und diesmal gibt es etwas Richtiges. Der Ober spricht deutsch und verspricht mir ein richtiges Kotelett. Siehe da, nach kurzer Zeit kommen auf einer Platte, die mit Bratkartoffeln garniert ist, zwei dicke, fette Koteletts an. Dazu noch ein ganzes Eck mit Bratwürsten und Leber. Schnell ist die Platte verputzt. Das Lokal, in das mich Jo geführt hat, erinnert eher an ein Wiener Kaffeehaus als an ein Restaurant. Die Stühle sind mit rotem Samt gepolstert. In der Mitte des Raumes steht ein grosser runder Tisch mit Spitzendecke, in den Ecken jeweils für zwei Personen passende Ecktische. Was nicht so richtig passt, ist das Portrait eines Muselmanns mit Fez und Pfeife. Der Ober, der mitbekommen hat, dass ich nach Deutschland zurückfahre, fragt mich, ob ich für ihn ein Packet mitnehmen könne(!). "Na klar", meine ich. Ich möchte nur dabei sein, wenn das Paket gepackt wird. Beim Bezahlen nochmal darauf angeprochen, winkt er ab. (Glück gehabt!)
Anschliessend lasse ich mir von Jo den zweiten CD-Shop in Sarajevo zeigen. Der Eingang der Geschäftspassage liegt so versteckt, dass ich mehrere Mal daran vorbeigelaufen bin. Mit Jo ist der Laden schnell wieder gefunden. In dem Geschäft für Unterhaltungselektronik werden auch CD's an- und verkauft. Beim Durchblättern der CDs finde ich doch tatsächlich die zweite von mir vermißte CD "Journey Greatest Hits". Auch diesmal ist ein Zweifel ausgeschlossen, da sich auf dem CD-Cover Farbspritzer befinden. Wieder gehe ich zur Polizei. "Mein" Polizeibeamter ist auch da und kommt natürlich gleich mit in den Laden. Doch diesmal geht es nicht so glatt. Der Verkäufer behauptet, die CD schon über einen Monat zu besitzen.
Weil der Ladeninhaber nicht da ist, bleibt die CD erst einmal im Laden. Aber, wie Jo mir übersetzt, muss der Geschäftsführer morgen auf die Wache, um den Sachverhalt zu klären. Ich soll am Donnerstag gegen 12.00 Uhr auf die Polizeistation kommen, um die CD in Empfang zu nehmen. Nach so viel Lauferei und Aufregung ist wieder einmal Kaffee fällig. Während wir im Cafe Bosna sitzen, erzähle ich Jo von Gribawiza und meinen Eindrücken. Zu meinem Erstaunen höre ich dann, dass sie dort - auch vor dem Krieg - noch nie gewesen ist. So beschliessen wir, das zu tun, was die Amerikaner "Crusing" nennen. Die Hauptstrassen auf- und abfahren. Zuerst geht es stadtauswärts vom Basar in Richtung "Holiday Inn". Am Stadtrand erfahre ich etwas über die Bedeutung von einigen Monumentalbauten. Zerschossen am Ortsrand das Verlagsgebäude der Zeitung - das immer noch schwer befestigte Gebäude der Fernsehanstalten. Dahinter hat die Bundeswehr ihren Fuhrpark stehen. Am Fernsehzentrum stehen Container, die mit Sandsäcken gefüllt sind. Auf jeder Seite wurde ein rechteckiges Loch mit Schweissbrenner herausgebrannt. Diese Löcher wurden dann mit Panzerglasscheiben verschlossen, so dass der Wache schiebende Soldat keine Angst vor der Snapers haben musste.
Gegen Abend gehen wir noch auf ein Kebab in eine der vielen Grillbuden und die Kebabs hier sind wirklich die besten. Dagegen schmecken die bei uns richtig synthetisch.