| 19.04.1996,
Freitag Grenzen |
Zuerst schaue ich der neuen Wohnung vorbei und verabschiede mich von meinen WG Genossen, die gut auf mich aufgepasst haben. In der Studentenbude bekomme ich von Jo noch einen dicken Kuß. Dann lasse ich Sarajevo hinter mir. Bevor es auf die Landstrasse geht, schaue ich noch beim Holiday Inn vorbei, um einem Freund zuhause Bescheid zu sagen, dass ich wieder auf Achse bin. Beim kurzen Aufenthalt im Foyer sehe ich den Taxifahrer vom ersten Tag. Da ich immer noch meine Flasche Wein für Notfälle im Kofferraumhabe, denke ich mir, dies ist der beste Zeitpunkt, sie loszuwerden. Mit soviel Glück hat er anscheinend gar nicht gerechnet. Ich winke ihn heran. Die erste Sprachlosigkeit schlägt nach Musterung des schon ziemlich zerfledderten Etiketts in ein überschwengliches Händeschütteln um. Natürlich sehen dies seine Kollegen und kommen dazu, um zu sehen, ob nicht ein Geschäft zu machen ist. Aber das Ganze löst sich sehr schnell wieder auf, als mich ein Polizist mit Trillerpfeife auffordert, weiterzufahren. Ich stehe mit meinem Wagen in der zweiten Reihe und blockiere den Wendebereich vor dem Hotel.
Als nächstes steht die Tankstelle auf dem Plan. Dort sehe ich nur benzinbetriebene Fahrzeuge. Ich fahre zur ersten Dieselzapfsäule. Leider habe ich Pech, dieser Zapfhahn ist seit gestern versiegt, wie ich vom Tankwart erfahre. Gerade fahren hinter mir drei Kleinlaster ein, so dass ich mich hinten anstellen muss. Nach etwa einer Viertelstunde ist diese Hürde genommen und ich bin endlich auf dem Weg nach Hause.
Die ersten Kilometer sind leicht. Die Strassen sind schon so weit wieder hergestellt, dass ich ohne Angst unterwegs bin. Auf der Passstrasse nach Tuzla sind die meisten Schlaglöcher mit Schotter aufgefüllt, so dass ich gut vorwärtskomme. Nur dort, wo die IFOR die Brücken wiederherstellt, ist ein sauberes Umfahren der Hügel und vielen Schlaglöchern für meinen Mercedes Voraussetzung. Sorgen mache ich mir langsam um meinen Ölverlust.
In Sarajevo fiel mir schon auf, dass sich unter meinem Auto immer wieder Ölschleier bildeten. Ich konnte aber nie eine Leckstelle unter der Haube entdecken, habe der Sache also weiter keine Bedeutung beigemessen. Jetzt aber zieht sich ein immer größer werdender Ölfilm über meine Motorhaube. Noch halten sich Gravitationskräfte und der Fahrtwind die Waage. Aber der Ölfilm wird immer breiter und nähert sich mehr und mehr der Windschutzscheibe.
Auf dem ersten vernünftigen Rastplatz hinter Tuzla halte ich an. Ich
möchte der Sache auf den Grund gehen. Als ich die Motorhaube öffne und nachschaue, kommt
ein Kind angerannt und schaut mit mir ganz neugierig in den Motorraum. Ich finde keine
undichte Stelle, die so viel Öl abgeben könnte. Ich will die Ursachenforschung schon
aufgeben, als ein Taxifahrer kommt und mir seine Hilfe anbietet. Ich denke mir, schaden
kann das nicht und lasse ihn an den Motor. Und siehe da, mit ein, zwei Handgriffen hat er
den Defekt gefunden. Es ist kein Öl, das bei mir ausläuft, sondern Diesel. Ein
Gummischlauch, der Kraftstoffleitung mit dem Motor verbindet, hat einen Ermüdungsbruch.
Im Normalzustand ist das nicht zu sehen. Durch Verbiegen des Verbindungsschlauches ist der
Schaden sichtbar geworden. Nachdem die Ursache gefunden ist, ist der Schaden schnell
behoben. Das defekte Stück liegt - Gott sei Dank - am Ende des Gummischlauches und kann
abgeschnitten werden. Da aber die Schlauchschelle nicht mehr über den verdickten Schlauch
passt, wird der Schlauch einfach herumgedreht und alles passt. Hut ab, der Mann hat
Erfahrung und nach 5 Minuten und mit DM 5,-- ist alles erledigt. Als kleines Danke Schön
drücke ich dem Mann meine Ration an Nüssen und Rosinen in die Hand.
Bevor es aber weiter auf die Fahrt geht, besuche ich noch die Toilette der Raststätte. Ich bin überrascht. Die WC´s sind sauber, Papier ist vorhanden und Seife zum Händewaschen auch.
Ohne Probleme geht es weiter. Die Landstrassen hier haben fast schon wieder deutschen Charakter, einschliesslich der GIs, die mit ihren bulligen Jeeps am Strassenrand stehen. Ich bin mir der Richtung nicht mehr sicher und will nicht auf einmal im Niemandsland stehen. Also halte ich an und frage nach dem Weg. Anscheinend hat mein Englisch einen unverkennbar deutschen Akzent. Denn als erstes fragt mich der GI auf deutsch, ob ich Ansbach kenne. Na klar, sage ich und dass dort Freunde von mir bei der Bundeswehr stationiert seien. Als ich dem Lieutnant mein Problem schildere, sieht er mich verständnislos an. Sein Deutsch reicht leider nur für einen Smalltalk, aber auf englisch verstehen wir uns um so besser.
Ich brauche nur geradeaus zu fahren und komme direkt an die Grenze. Kurz nachdem ich losgefahren bin, fällt der CD-Player aus. Echt toll! Da gebe ich eine Menge Geld für Radio und Einbau aus und nach 14 Tagen hat das Scheißding seine ersten Macken. Kassetten habe ich seit dem Einbruch nicht mehr und die Radiosender kann man vergessen.
Am ersten amerikanischen Checkpoint werden die Autos nach kurzem Blick in den Kofferraum weitergewinkt. Ich befinde mich jetzt wieder in dem von Serben besetzten Korridor, der nach Kroatien führt. Auf den ersten hundert Metern des serbischen Gebiets herrscht reges Treiben. Es werden Kühe, Schweine, Schafe angeboten, praktisch alles, was ein Bauer braucht. Dazwischen sind die Zigaretten- und Spirituosenhändler. Auf dieser Strasse handeln die Serben mit den Bosniern. Dies ist an den unterschiedlichen Kennzeichen der Autos zu sehen. Auch wenn die Strasse, die von Bosnien nach Kroatien führt, von den Serben kontrolliert wird, sind diese 15 km wie eine neutrale Zone. Die Bosnier trauen sich nicht auf serbisches Gebiet und umgekehrt. Aber unter der Aufsicht der Amerikaner treiben die ehemaligen Kriegsparteien hier kräftig Handel.
Auch diesmal verläuft die Fahrt durch diesen Korridor ohne Probleme. Weit und breit kein Soldat zu sehen, der nicht der IFOR angehört. Am zweiten Checkpoint gibt es auch keine Probleme. Ein GI fragt mich nach "Pivo", also nach Bier. Ich muß leider sagen, dass ich kein Bier dabei habe.
Der Grenzfluß zu Kroatien ist schnell erreicht. Vor mir stehen ungefähr 20 Autos und warten auf die Fähre. Die Zeit vertreibe ich mir mit Hamburgeressen. Rechts und links der Straße haben sich Stände jeglicher Art etabliert. Es fängt bei einfach umgebauten Wohnwagen an und endet bei einem richtigen Hotel. Bei so einer umgebauten Wurstbude bestelle ich zwei Hamburger, denn ich habe mittlerweile richtigen Kohldampf. Sechs Mark lege ich dafür auf den Tisch. Stolzer Preis. Plötzlich brechen an mir zwei Motorräder vorbei. Da ist anscheinend jemand zu schnellen Reichtum gekommen. Die beiden grünen Kawa´s sehen brandneu aus. Lang dauert der Spaß nicht. Dem Einen pfeift es auf der sandigen Straße das Hinterrad weg. Dabei hat er noch Glück im Unglück. Außer einer offene Hand ist nichts zu beklagen.
Die Fähre legt an und ich bin an der Reihe. Noch schnell den Fahrpreis bezahlt und rauf auf die Fähre. Diesmal habe ich keine Schwierigkeiten, über die Rampen zu kommen, denn jetzt sind die ganzen mitgebrachten Lebensmittel nicht mehr dabei.
Auf der anderen Seite ist Kroatien. Der Zöllner dort ist ein Pedant. Da ich der erste bin, der von der Fähre herunterfährt, weiß ich nicht, wo ich anzuhalten habe. Ich überfahre seinen Schlagbaum, den ich glatt übersehen habe. Aber dieses Gestell hätte kein Mensch für einen Schlagbeum gehalten. Die Kombination von Überfahren der geheiligten Linie und des nicht Vorhandenseins des vorderen Kennzeichens bringt sein Beamtenhirn wohl in Zugzwang. Jedenfalls schreit er mich an. Dann mache ich den Fehler, auf Deutsch zu anworten, worauf er mich hinauswinkt. Ich hatte in Sarajevo festgestellt, dass mir deutsche Fragen überall Tür und Tor öffnen. Hier bewirkt es das Gegenteil.