| 18.04.1997, Donnerstag Chevap |
Eigentlich wollte ich schon am Mittwoch fahren. Aber nach dem Fund meiner CD muss ich heute noch einmal auf die Polizeistation. Gegen 10.00 Uhr hole ich Mensur von seiner neuen Wohnung ab. Heute wollen wir die Farbe für seine neue Wohnung kaufen. Da in die Wohnung wegen der Kellerlage sehr wenig Licht eindringt und zudem die Farbe braun vorherrscht, macht der Russ vollends eine schwarze Höhle daraus. Mensur hat verschlafen und öffnet mit schweren Augen und im Pyjama die Tür. Während er sich ins Bad begibt, suche ich die Liege in der Küche auf. Auf der mit rotem Wollstoff bezogenen Liege liegt eine zerknüllte Decke. Als ich diese glatt ziehe, fallen aus den Falten eine leere Bierflasche, eine leere Dose Bohnen und irgend etwas metallisches, was so schnell verschwindet, dass ich es gar nicht mehr sehen kann. Na dann gute Nacht! Während ich gerade am Eindösen bin, kommt Mensur und will los. Ich habe letzte Nacht nicht richtig schlafen können. Armir und Archie sind erst gegen zwei Uhr nachts gut angeheitert nach Hause gekommen und machten viel Lärm.
Also los. Doch die Strasse, in der ich mein Auto geparkt habe, haben sie in den letzten 20 min. gesperrt. Das bosnische Fernsehen dreht gerade einen Film über den Krieg. Da die Strasse ein starkes Gefälle hat, komme ich hier so ohne weiteres nicht weg. Nachdem der Motor auf Drehzahl gebracht ist und endlich die nötige Leistung bringt (mein Diesel hat leider nur 55 PS), geht es mit viel Gefühl rückwärts bergauf. Leider dreht mir dabei ein Reifen durch und macht dabei starken Lärm, so dass die ganze Crew hersieht.
In der Altstadt kaufen wir die Farbe, 30 kg für DM 50,--. In einem zweiten Laden besorgen wir die anderen nötigen Streichutensielen: einen Eimer zum Mischen, ein Abstreifgitter, Pinsel in verschiedenen Größen und einen Roller mit in der Länge verstellbarem Griff.
Kaffeetime! Ich setze Mensur mit seiner Farbe ab und mache mich auf den Weg zur Polizei. Nach kurzem Warten teilt mir der zuständige Polizeibeamte mit, dass der Ladenbesitzer auf die Polizeistation in Centar gegangen ist und ich mich dort hinwenden müsste. Also zurück ins Auto. Nach kurzem Suchen ist die Station gefunden (Nähe Holiday Inn).
Dort will mich ein Polizist mit dem Satz "kommen Sie morgen wieder, da der Inspektor nicht da ist" abspeisen. Ich weise darauf hin, dass ich morgen abreise und extra einen Tag länger geblieben bin. Da kommt Bewegung in die Sache. Einige Telefonate, dann heißt es, ich solle ich um 14.00 Uhr wiederkommen. Was mache ich jetzt 1 1/2 Stunden lang? Ich fahre zurück in die "Beverly Hills", um Archie beim Packen zu helfen. Er hat nur vier Taschen, drei für Kleidung und eine für Studienmaterial, ein Anzeichen dafür, wieviel die Menschen hier verloren haben. In der neuen Wohnung hilft uns Johnny beim Abladen. Danach fahre ich wieder in die Polizeistation Centar, mit wenig Hoffnung, dass der Inspektor da sein wird. Falsch gedacht! Der Inspektor holt mich an der Pforte ab und bringt mich in ein Zimmer im zweiten Stock, den Asservatenraum. Dort liegen ein halbes Dutzend Autoradios verschiedener Marken und Frontscheiben. Der Beamte erzählt mir beim Ausfüllen des Aushändigungspapiers, dass eine Gruppe von Banditen mit Messern die Frontscheiben aus den Gummidichtungen der Autos herausgeschnitten hat. In Sarajevo kosten Frontscheiben ca. DM 200,--. Das ist ein durchschnittlicher Monatslohn. Auf dem Rückweg nehme ich Mensur für die letzte Umzugsfahrt mit und nach einer halben Stunde Packen, Fahren, Einladen ist der Umzug komplett. Bevor wir zu Jonnys Wohnung fahren, haben wir noch ein Gespräch mit dem Vermieter. Für die weiteren drei Tage bekommt er noch einmal DM 10,--. Damit ist auch das Thema Miete abgehakt. Der Rest des Nachmittags wird kurzerhand mit Dösen zugebracht. Gegen sieben Uhr treffen Armir und ich Jo. Da wir alle Hunger haben, gehen wir auf ein Kebab in die Stadt. Auf dem Weg brennt zum ersten Mal die Strassenbeleuchtung auf der Hauptstrasse.
Diesmal führt uns Jo auf dem Basar in ein richtiges orientalisches Restaurant. Der Boden besteht aus grossen runden Kieselsteinen, die in Zement gebettet sind und in verschiedenen Farben schillern. Die Tische sind nur etwas höher als meine Knie, so dass ich immer wieder dem Tisch unabsichtlich einen Stoss verpasse. Die eigentliche Tischplatte ist aus Kupfer. Das Kupfer ist mit viel Patina überzogen. Sie muss mindestens 20 Jahre alt sein und ist mit arabischen Mustern verziert. Das Gestell aus Vierkantstahl ist so verschlungen und in sich gedreht, dass der Tisch insgesamt zerbrechlich wirkt. Die Stühle sind Hocker, ca. 40 cm hoch. Mit meinen 1,88 m muss ich unweigerlich komisch darauf aussehen. Die Lampen sind aus durchstossenen Metallplatten, in die viele unterschiedlich grosse Edelsteine in Pastellfarben eingearbeitet sind. Der Wirt rundet das Ganze ab. Hier wird nicht abgespeist, sondern zelebriert. Er spricht mit all seinen Gästen und bedient sie selbst. So kommt es vor, dass der Koch ärgerlich seinen Chef an die Theke ruft, damit er das Essen holt bevor es kalt wird. Auch mit uns spricht er ein Weilchen und macht Jo Komplimente, dass sie ganz verlegen wird.
Am Nachbartisch sitzen französische IFOR-Soldaten. Plötzlich spricht mich einer von ihnen auf deutsch an. Ich bin überrascht. Es sind Franzosen aus Elsass-Lothringen. Einer von ihnen hilft mit, die Stromversorgung aufzubauen. Auf ihren Tisch hat der Wirt die Nationalfahnen von Bosnien-Herzogowina und Frankreich gestellt. Wenn ich mir die Fahnen ansehe, die alle auf einem Regal aufgestellt sind, dürfte alles vertreten sein,was an Nationen mit der IFOR hier ist.
Unsere bestellten Kebab kommen schnell. Es sind die besten, die ich je gegessen habe. Die nächste Überraschung kommt, als ich zahlen will. Für 3 Kebab und 3 Cola bekomme ich eine Rechnung über DM 12,-.
Im Bulldog treffen wir Mensur und Archie. Weil ich am letzten Abend ein paar besondere Lieder hören will, frage ich einen Mann hinterm Tresen, ob sie hier im Bulldog einen CD-Player haben. Es gibt keinen. Aber das Interesse ist geweckt. Er fragt mich, was ich so mache und wie ich hierher gekommen bin. Da er ein bisschen Zeit hat und meinen Wagen sehen will, gehen wir schnell hinaus. Als er den Benz sieht, sagt er, den hat er schon gesehen. Da fällt mir ein, dass das der deutsche Soldat auch gesagt hat. Mein Auto hat anscheinend einen gewissen Bekanntheitsgrad.